• März 16, 2020

Geheimnisse der Datenerfassung

Geheimnisse der Datenerfassung

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Die geheime Welt der Daten

An der Kasse nach der eigenen E-Mail-Adresse gefragt zu werden, scheint keine große Sache zu sein. Hinter dieser einfachen Transaktion versteckt sich aber eine alarmierende, global vernetzte Maschinerie zur Erfassung und Nutzung persönlicher Daten. Wir nehmen die heimliche Jagd nach Verbraucherdaten genauer unter die Lupe.

 

„Informationen werden völlig willkürlich weitergeben, ohne dass darüber in irgendeiner Phase Rechenschaft abgelegt wird.“

 

Die Frage scheint harmlos: Hätten Sie statt der Papierquittung gern einen digitalen Beleg? Dahinter versteckt sich aber eine globale Maschinerie zur Verfolgung und Erfassung persönlicher Daten. Unternehmen, von denen Sie noch nie gehört haben, kaufen und verkaufen diese Daten. Sämtliche Details Ihres Online- und Offline-Verhaltens sind für jeden Empfänger weltweit einsehbar, der bereit ist, dafür zu zahlen. Sind diese Daten erst einmal in Umlauf, haben Sie keinerlei Kontrolle darüber, wer sie sieht und wie sie verwertet werden.

Viele Verbraucher glauben, dass sie mit ihrer E-Mail-Adresse keine intimen Informationen weitergeben. Mit dieser vermeintlich harmlosen Angabe händigen sie Unternehmen jedoch den Schlüssel zu Tausenden Datensätzen aus. Diese Details decken Ihr gesamtes Leben auf – und das nicht nur gegenüber Personen und Unternehmen, deren einziges Ziel es ist, Ihnen Dinge zu verkaufen, sondern eventuell auch gegenüber Kriminellen, die es auf Betrug, Hacking, Identitätsdiebstahl und Virenangriffe abgesehen haben.

 

Das Problem der programmatischen Werbung

Die Erfassung und Nutzung von Daten ist aktuell kaum oder gar nicht geregelt. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) sollte Einzelpersonen eigentlich mehr Kontrolle über ihre online verfügbaren Informationen und deren potenzielle Empfänger geben. Doch abgesehen von einigen öffentlichkeitswirksamen Strafen für Unternehmen, die die Daten ihrer Kunden unzureichend schützen, hat sich beim Online-Tracking von Verbrauchern kaum etwas bewegt.

Tatsächlich kommt eine kürzlich durchgeführte Umfrage von eMarketer zu dem Ergebnis, dass 67 % der britischen Marken ihre Ausgaben für programmatische Werbung – also das System zur Datenerfassung, mit dem sichergestellt wird, dass einmal angeklickte Produktwerbung auch auf zahlreichen anderen besuchten Webseiten angezeigt wird – seit Inkrafttreten der DSGVO sogar noch erhöht haben.

Marken, die intensiv in programmatische Werbung und Online-Daten investieren, häufen riesige Mengen an personenbezogenen Informationen an. Bei jedem Besuch eines Online-Stores wird ein Großteil davon in Echtzeit aktualisiert. Welche Produkte Sie sich angesehen haben, was Sie gekauft haben, wann Sie es gekauft haben, wie viel Geld Sie ausgegeben haben, wie viel Zeit zwischen dem ersten Betrachten und dem Kauf vergangen ist, welche Zahlungsmethode Sie genutzt haben – all das und mehr wird protokolliert und steht Unternehmen sofort zur Analyse und weiteren Verwertung zur Verfügung.

Aus all diesen Bausteinen können Unternehmen dann ein individuelles „Profil“ erstellen, das präzise definiert, welche Art von Käufer Sie sind – vorsichtig, impulsiv, zögerlich, kurzentschlossen usw. –, und ihre Marketingstrategie entsprechend darauf zuschneiden.

 

Berge von Daten

Möglicherweise haben Sie gar nichts gegen maßgeschneiderte Werbung. Schließlich könnte man ja denken, dass Anzeigen umso relevanter sind, je exakter sie auf Sie persönlich zugeschnitten sind. Was die mögliche Verwertung Ihrer Daten betrifft, sind Online-Anzeigen aber nur die Spitze des Eisbergs. Je intelligenter und vernetzter unsere Geräte werden, desto transparenter sind Sie für Dritte. Smartwatches, Smart-TVs, Sprachassistenten, verbundene Autos und selbst intelligente Steckdosen sammeln Unmengen an Daten über Ihre täglichen Gewohnheiten und Verhaltensweisen.

Und dann ist da natürlich noch Ihr Smartphone. Das Telefon verrät nicht nur ständig Ihren Aufenthaltsort – fast alle Apps haben Zugriff auf Ihre sensiblen persönlichen Angaben, darunter auch Gesundheitsinformationen wie Herzfrequenz, körperliche Kondition und Schlafmuster. Mit all diesen Informationen wird auf dem globalen Datenmarkt unverhohlen gehandelt.

„Es gibt da draußen einfach immer mehr Daten-Streams, die gesammelt,mit Profilen verknüpft und verkauft werden können“, so Bennett Cyphers, ein Technologe der Electronic Frontier Foundation. „Informationen werden völlig willkürlich weitergeben, ohne dass darüber in irgendeiner Phase Rechenschaft abgelegt wird.“

 

Was können Sie tun?

Oberstes Gebot ist Vorsicht. Überlegen Sie genau, welche Informationen Sie gegenüber Dritten offenlegen und welche Berechtigungen Sie erteilen. Geben Sie Ihre Daten nur dann preis, wenn es nicht anders geht. Fordert Sie eine Website zur Angabe von Informationen auf, geben Sie nur die unbedingt erforderlichen Daten heraus. Lehnen Sie den Zugriff auf Ihr Adressbuch ab, und verzichten Sie beim Kauf von Medikamenten oder anderen sensiblen Artikeln auf das Vorlegen einer Treue- oder Kundenkarte.

Vor allem aber sollten Sie Einzelhändlern nicht Ihre E-Mail-Adresse geben, nur weil diese Sie danach fragen. Möglicherweise machen Ihnen Händler weis, dass digitale Belege kunden- und umweltfreundlicher sind (was übrigens nicht stimmt). Doch mit der Herausgabe Ihrer E-Mail-Adresse machen Sie den ersten kleinen Schritt in einem sehr langen Prozess der Datenerfassung und -verwertung. Machen Sie Gebrauch von Ihrem Recht auf das Eigentum an Ihren persönlichen Daten, und verlangen Sie stattdessen eine Papierquittung.